Die Poldi – Ein Frauenschicksal
Die Idee, ein Buch über das Leben unserer Ehrenvorsitzenden Leopoldine Feichtinger zu schreiben, hatte die Schriftführerin der oberösterreichischen Freiheitskämpfer, Genossin Ingrid Maiburger, die auch den angesehenen Autor Walter Kohl gewinnen konnte, einen großartigen Zuhörer und sehr einfühlsamen Formulierer. Die Geschichten der 86-Jährigen plätschern nicht dahin. Es sind einfache Geschichten vom Alltäglichen, Unspektakulären, das sie als ausgebeutete Arbeiterin, liebevolle Mutter, solidarischer Mensch erlebt und erlitten hat. Leopoldine Feichtinger wurde am 16. September 1920 in Linz geboren. Als Kind und Halbwüchsige hat sie die Kämpfe der Ersten Republik miterlebt. Als junge Frau hat sie hautnah erfahren, wie sich die Figuren des menschenverachtenden Systems des Faschismus als Privatpersonen verhielten, als sie 1938/39 als Dienstmädchen bei der Linzer Kaufmannsfamilie Eder arbeitete. Sie waren Schwiegereltern des berüchtigten SS-Obergruppenführers und Chefs der Sicherheitspolizei Ernst Kaltenbrunner, der dort oft auf Besuch war. So richtig traurig wurde Poldi bei ihren Erzählungen nur, als sie vom Morgen des 9. September 1944 erzählte, als ihre kommunistischen Kollegen Rudi Kühberger, Hugo Müller, Heinrich Obermayer, Toni Schmelensky und Josef Teufl verhaftet und bald darauf von den Nazi-Schergen ermordet wurden. Poldi und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen waren geschockt. Wie konnte sie durch diese Zeit kommen, ohne Mitläufer zu werden? Wie das war, wenn bekannt war, dass ihr Vater, Alois Ganglberger, Sozialist war? Sie stilisiert sich und die Ihren nicht zu unerschrockenen Widerstandskämpfern. “Wir haben ein Glück gehabt, dass wir in Dornach gewohnt haben. Wenn wir in Katzbach gewohnt hätten, dort war die Bastion der Nazis, wer weiß. Die hätten einen sicher angeredet und drangsaliert, dass man auch mitmacht. Da habe ich ein Glück gehabt. In Dornach war niemand, der für die Nazis geworben hätte. Wenn du dich nicht selber gemeldet hast in Katzbach, wenn du nicht selber hingegangen bist und dich angebiedert hast, und auch niemanden im Bekanntenkreis gehabt hast, haben sie dich in Ruhe gelassen.” Besonders gestört hat sie, dass nach der Befreiung eine Mehrheit auf einmal so tat, als hätten sie keine Vergangenheit mehr. In dieser Zeit hat sie sich engagiert, politisch und in der Gewerkschaft. Und vor allem immer ganz nahe bei den Menschen, um die es ging. Poldi hat in ihrem Leben die gesellschaftlichen Prozesse und Veränderungen von “ganz unten” miterlebt, an der Basis sozusagen, aber sie ist kein willenlos getriebenes winziges Teilchen dieser Prozesse und Bewegungen gewesen, sondern hat ihr Leben lang versucht (und versucht auch heute noch), die Dinge mitzugestalten, etwas zu bewegen, und wenn es noch so mühselig war und die Ergebnisse noch so bescheiden sind. Als sie ein Kind war, hat man sie von Bildung fern gehalten, obwohl sie in der Volksschule sehr gut war. Als Mädchen und junger Frau hat man ihr nicht mehr angeboten als eine Dienstboten-Existenz. Zäh und verbissen hat sie sich hoch gearbeitet, zu einer angelernten Maschinenarbeiterin. Das bedeutete für sie den Aufstieg. Die Krönung für sie aber war dann die Funktion im Betriebsrat, für andere Menschen was zu tun und ihnen zu helfen, da war sie weg von den Maschinen gekommen, hin zu den Menschen. Mehr an Aufstieg wurde einem Frauenleben kaum geboten im vergangenen Jahrhundert. Wie steht sie zur SPÖ? Poldi geht ins Grundsätzliche: “Ein gesellschaftspolitisches Modell kann nur eine Demokratie sein. Und da ist die Sozialdemokratie am wichtigsten, weil sie die Bedürfnisse der Menschen am direktesten abdecken kann. Die Reichen, die Wohlhabenden, die brauchen eh keine Sozialdemokratie, denn die schaffen sich selber ihre gesellschaftlichen Linien … Es gilt ja nach wie vor: Die, die kein Geld haben, bleiben übrig! Was ist denn herausgekommen bei der ÖVP-Regierung?” Ihre Schlussfolgerung: “Also, wir brauchen eine Sozialdemokratie.”
Das von Franz Steinmaßl im Verlag Edition Geschichte der Heimat herausgegebene Buch “Die Poldi. Das Leben einer Linzer Arbeiterin” kann unter Tel. 0732/78 30 88 oder via Email um nur € 18,50 bestellt werden. Hier geht es zurück zur Bücherliste!

